Literatur am Schaufenster


Wenn Sie in diesem Jahr durch die Stadt Salzburg schlendern, kann es sein, dass Sie auf Ihren Wegen Sätze wie diese an dem einen oder anderen Schaufenster eines Geschäfts oder eines Restaurants lesen: „Ich wollte in die entgegengesetzte Richtung.“, „Das Glück ist in allen und in keinem wie das Unglück.“, „Ich habe auf alles gehört und nichts befolgt.“ Vielleicht halten Sie inne, vielleicht geraten Sie ins Nachdenken, finden den einen oder anderen Satz witzig oder irritierend.

Es sind Sätze aus Thomas Bernhards autobiografischem Buch „Der Keller. Eine Entziehung“ (1976). Die 12 ausgewählten Passagen zeigen den jungen, nachdenklichen Autor in den unmittelbaren Nachkriegsjahren als Suchenden. Bernhard hat 1947 seine Schulausbildung im verhassten katholischen Internat in der Schrannengasse beendet und sich entschlossen, „die entgegengesetzte Richtung“ einzuschlagen. Er beginnt eine Kaufmannslehre bei einem Lebensmittelhändler in Lehen und erlebt in diesem Kellergeschäft das befreiende Gefühl, „eine nützliche Existenz“ zu führen und freut sich, am Leben beteiligt zu sein. Zu lesen sind Sätze, die weniger von Bernhards Hassliebe zu Salzburg zeugen als von seiner Hoffnung, die er in die Kunst setzt.

Ergänzend dazu hat man in diesem Jahr die Möglichkeit, bei der „Thomas Bernhard Schnitzljagd“ das Andräviertel auf den Spuren des Autors zu erkunden: Eintritt frei, Anmeldung erforderlich, nähere Informationen hier

 

Seit Beginn des Literaturfests ermöglichen die Schaufenstertexte von Autorinnen und Autoren mit Salzburgbezug die Begegnung mit Literatur im öffentlichen Raum. Nachhaltig verweisen die Sätze auf wichtige literarische Stimmen der Vergangenheit und Gegenwart, von Gerhard Amanshauser, H. C. Artmann, Georg Trakl, Ilse Aichinger bis Karl-Markus Gauß, Peter Handke, Bodo Hell, Walter Kappacher, Teresa Präauer und Kathrin Röggla. Und es erstaunt immer wieder, wie viele Sätze aus den vergangenen Jahren noch immer das eine oder andere Schaufenster zu einem ganz besonderen machen. Ein Spaziergang durch die Stadt Salzburg ist seit zehn Jahren immer einer, auf dem man nicht nur die Schönheit der Stadt, sondern auch die Schönheit der Poesie entdecken kann

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