Sprache und Identität

Tag vier des Literaturfestes Salzburg setzt sich mit Sprache und Identität auseinander:
Für CVETKA und FLORJAN LIPUŠ ist das Schreiben in slowenischer Sprache identitätsstiftend, WOJCIECH CZAJA macht Lust auf die Welt und das Schauspieler-Trio MICHAEL MAERTENS, ANNETTE PAULMANN und FALK ROCKSTROH liest sprechsingend Ernst Jandls „Aus der Fremde“.

Christa Gürtler, Dominik Srienc, Cvetka Lipuš und Florjan Lipuš (Foto: Erika Mayer)

Den vierten Festivaltag eröffnen CVETKA und FLORJAN LIPUŠ bei einer gemeinsamen Lesung aus ihren neuen Büchern in der Panoramabar der Stadtbibliothek Salzburg, moderiert von Dominik Srienc. Die Samstagsmatinee wird mit einem historischen Exkurs durch die leidvolle Geschichte der Kärntner Slowenen eröffnet und in deren Dienst sie ihre Literatur – aus jeweils unterschiedlichen Motiven – stellen. Cvetka Lipuš liest zweisprachig, jeweils aus dem ins Deutsche übersetzten Lyrikband „Komm, schnüren wir die Knochen“ und aus dem originalen auf Slowenisch geschriebenen Buch „Pojdimo vezat kosti“. Wie ihr Vater schreibt die Autorin ausschließlich in slowenischer Sprache, die für sie untrennbar mit ihrer Identität im Zusammenhang steht. Slowenisch ist die Sprache ihrer Kindheit, ihre Erstsprache, über die die Autorin immer wieder den Kontakt zu den eigenen Wurzeln herstellt. Ihr Vater Florjan Lipuš liest aus seinem – ebenfalls ins Deutsche übersetzten Werk – „Schotter“ und erzählt, wie er das Schreiben in der Muttersprache als eine Verpflichtung seiner Mutter gegenüber empfindet. Für beide die Übersetzungen ihrer Bücher etwas Eigenständiges und nur eine aus den vielen Möglichkeiten an Lesarten vom Übersetzer ausgewählte.

Anschließend an literarische Stadtspaziergänge durch die Riedenburg „welt:bühne:riedenburg“ führte der vielreisende Architekturkritiker und Journalist WOJCIECH CZAJA in die Welt. Er las im Architekturhaus Salzburg aus seinem Städtepanoptikum „Hektopolis – Ein Reiseführer in hundert Städte“. Kurze ortsspezifische Anekdoten zeichnen das Bild eines Kosmopoliten, der bereits mehr als 70 Städte bereist hat und gerne auf die Suche geht. Czajas scharfer Blick für Unentdecktes, außerhalb touristischer Städtetrip-Schablonen, und seine unvergleichlichen Beobachtungen, verwoben mit einem enormen Panorama an Sprachen, die sich im Buch niederschlagen, machen Lust auf die Welt – abwechselnd im Gespräch mit Roman Höllbacher.

Das Abendprogramm bestreitet das Schauspieler-Trio MICHAEL MAERTENS, ANNETTE PAULMANN und FALK ROCKSTROH mit derSprechperformance von Ernst Jandls preisgekröntem Stück „Aus der Fremde“ in der Szene Salzburg (Einrichtung: Bettina Hering, Leitung Schauspiel/Festspiele Salzburg). Ernst Jandl, Meister der Verfremdung und der Sprachexperimente, spielt mit den Möglichkeiten der Distanzschaffung der eigenen Lebensgeschichte durch Sprache, u.a. durch die ausnahmslose Verwendung des Konjunktivs und der Rede in der dritten Person. Die drei namenlosen Figuren werden vom Trio bravourös umgesetzt und fügen den Facetten von Sprache und Identität neue Perspektiven hinzu.

Das Kinderprogramm am Donnerstag und Freitag wurde von ARNE RAUTENBERG und CHRISTIAN FUTSCHER bestritten. Mit rund 150 Kindern wurden im Literaturhaus Salzburg und in der Stadtbibliothek Seekirchen Gedichte dekonstruiert, in ihrem Kern freigelegt und spielerisch der Entstehungsprozess unter die Lupe genommen, um den Jüngsten zu demonstrieren, was man alles mit der Sprache machen kann.